Das Reithallen-Exposé

Der Umgang mit der uns hinterlassenen Bausubstanz unterscheidet sich nur unerheblich von den Beweggründen, die zu einer Vernunftehe führen. Das ins Auge Gefasste erscheint nach unvermeidlichen Abstrichen passabel, möglicherweise geeignet und die wenigen erkennbaren Reize geben Anlass zu der Hoffnung, es werde sich schon den Zwecken entsprechend richten lassen.

Die pragmatische Annäherung ist nicht unbegründet; so entspricht das Vorgefundene in widerborstiger Weise nicht sofort den geplanten Absichten und dem Verwendungszweck und ist trotz eines gewissen Charmes und seiner Einzigartigkeit unübersehbar mit dem Mangel des Unvollkommenen, wenn nicht eher von Spuren der Vergänglichkeit gezeichnet.

Wo Neues aus Altem entstehen soll, sind Konflikte unvermeidlich. Grundsatzentscheidungen sind gefragt: Wie viel Altes ist dem Verwendungszweck entsprechend erträglich und erhaltenswert und wie viel Neues erforderlich? Wie viel Neues darf dem Alten hinzugefügt werden, ohne es der Lächerlichkeit preiszugeben? Was muss für immer weichen, weil verloren und unbrauchbar?

Rezepturen für ein gelungenes Bauwerk gibt es (gottlob) nicht. Sicher ist nur, dass Bauen an sich - auch das privateste Vorhaben - eine öffentliche Angelegenheit ist. Die Nachbarn, die es ertragen, die Menschen, die es bewohnen, der Passant, welcher genötigt ist, es täglich zu ertragen, werden nicht danach fragen, unter welchen Umständen es erstanden ist und warum es so und nicht besser geraten ist; welche Details missglückten, verwechselt oder unterlassen wurden.

Die Initiatoren und Ausführenden eines Bauwerks sind gut beraten, auf Eitelkeiten zu verzichten und dem Bauwerk nicht mehr Bedeutung und Wirkung zu verleihen als es Ihrer Persönlichkeit und gesellschaftlichen Stellung entspricht. Ein Haus ist kein Selbstzweck, sondern ein Gebrauchsgegenstand mit definierter Nutzung. Dem Betrachter muss erkennbar sein, dass darin gewohnt, gearbeitet, gedacht oder gelesen, gespeist oder gefeiert wird. Es sollte erkennbar sein, wo es hinein- und wo es herausgeht. Kurz: Es muss plausibel sein.

Die Materialien sollten so gewählt und eingesetzt werden, dass sie gebrauchstüchtig und ansehnlich sind. Ihre Form und die ihrem Wesen entsprechenden Konstruktionen müssen im besten Wortsinn selbstverständlich sein. Trotzdem muss ein Haus kein graues Entlein sein. Das Repertoire der bildenden Künste steht uneingeschränkt zur Verfügung. So darf getuscht, unterstrichen, weggelassen oder verborgen werden. Kontraste können erzeugt werden, laute und stille Elemente sich abwechseln - die Palette ist unerschöpflich.

Die Bauherren der Alten Reithalle haben mit viel Geduld und Umsicht das Wagnis auf sich genommen, ein fast verlorenes Bauwerk der Stadtgeschichte Hannovers zu entstauben und vor dem Untergang zu retten. Sie haben dabei, mehr als bei einem Neubau erforderlich, auf Unvorhergesehenes reagieren, mitplanen und mitdenken müssen. Sie waren enttäuscht und erfreut, zweifelnd und entschlossen - Sie haben sich ihr Bauwerk aneignen müssen.

Aus dieser Reithalle - Teil einer ehemaligen militärtechnischen Anlage, in der Mannschaften und Offiziere ihren Dienst ableisteten - ist nunmehr ein Dienstleistungsgebäude geworden. Es stellt damit zugleich den Schlussstein der städtebaulichen Sanierung dar, welche das angrenzende Umfeld des Vahrenwalder Parks in den vergangenen Jahren erfahren hat. Ein Teil der historischen Spuren dieses Stadtquartiers konnte somit dank privater Initiative erhalten werden.

Text: Faudt & Hassels

Architekten:
Faudt & Hassels, Braunschweig

Bauherrengemeinschaft:
Bettina Sattelmacher
Andreas Stein
Dirk Sistenich
Burkhard Hengst